Wer an Israel denkt, denkt an Jerusalem, Tel Aviv, Galiläa oder das Mittelmeer. An Wüste vielleicht erst später. Dabei nimmt der Negev rund 60% der Fläche Israels ein – eine faszinierende Landschaft aus Bergen, Schluchten, Kratern und endlosen Weiten, die sich bis nach Eilat am Roten Meer erstreckt.
Was viele nicht wissen: Der Negev ist voller jüdischer Geschichte. Wer hier unterwegs ist, findet nicht nur spektakuläre Landschaften, sondern antike Städte, Festungen, Synagogen, hebräische Inschriften und Spuren jüdischen Lebens, die mehr als 2.000 Jahre zurückreichen.
Der Negev ist kein geschichtsloser Raum. Er ist ein riesiges Freilichtmuseum.
Beersheba – eine Stadt des Königreichs Juda
Ein guter Ausgangspunkt ist Beersheba. Die moderne Hauptstadt des Negev liegt neben dem antiken Tel Be’er Sheva. Dort haben Archäologen eine befestigte Stadt aus der Zeit des Königreichs Juda freigelegt.
Straßen, Häuser, Vorratsräume, ein Stadttor und ein ausgeklügeltes Wassersystem erzählen vom Leben vor mehr als 2.500 Jahren. Besonders beeindruckend ist der antike Brunnen, der tief in den Fels hinabreicht.
Man steht hier mitten in der Wüste – und plötzlich vor den Überresten einer jüdischen Stadt aus der Eisenzeit.
Tel Arad – hebräische Worte aus der Wüste
Noch spektakulärer wird es in Tel Arad. Die Festung aus der Zeit des Königreichs Juda enthielt ein kleines Heiligtum mit Altären. Vor allem aber wurden hier zahlreiche beschriftete Tonscherben gefunden. Diese Ostraka tragen hebräische Texte aus dem 7. und frühen 6. Jahrhundert v. Chr. Sie enthalten unter anderem Namen, Befehle und Hinweise auf Lieferungen.
Es sind keine späteren Überlieferungen. Es sind die tatsächlichen Worte von Menschen, die vor mehr als 2.500 Jahren in dieser Region lebten. Jüdische Geschichte liegt hier nicht nur in Büchern – sie steht auf den Steinen und ist in die Tonscherben geschrieben.
Weinbau mitten in der Wüste
Wer glaubt, eine Wüste könne keine Landwirtschaft hervorbringen, sollte Avdat oder Shivta besuchen.
Die antiken Städte lagen an der berühmten Weihrauchstraße und verfügten über erstaunliche Systeme zur Sammlung und Speicherung von Regenwasser. Zisternen, Terrassen, Dämme und Kanäle machten Landwirtschaft möglich. Archäologen fanden Weinpressen, Olivenpressen und andere landwirtschaftliche Anlagen. In der byzantinischen Zeit wurde hier sogar in größerem Umfang Wein produziert.
Weinbau mitten in der Negev-Wüste – vor mehr als 1.500 Jahren.
Die antiken Bewohner mussten mit denselben grundlegenden Herausforderungen umgehen wie die Menschen heute: Wasser war knapp. Ihre Antwort waren ausgeklügelte Systeme zur Wasserspeicherung und Bewässerung.
Wer heute Israels moderne Wasser- und Agrartechnologien betrachtet, erkennt darin eine erstaunliche Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Synagogen in der Wüste
Und es geht noch weiter. Im Negev wurden Synagogen aus der römischen und byzantinischen Zeit entdeckt. Die Synagoge von Rehovot-in-the-Negev zeigt, dass jüdische Gemeinden auch in dieser trockenen Region über Jahrhunderte hinweg bestanden. Sie waren nicht isoliert. Sie betrieben Landwirtschaft, handelten und waren Teil eines größeren regionalen Netzwerks.
Das verändert den Blick auf die jüdische Geschichte Israels: Sie spielte sich nicht nur in Jerusalem oder Galiläa ab. Jüdisches Leben gab es auch tief im Süden – mitten in der Wüste.
Totes Meer, Qumran und Masada
Am Rand des Negev beginnt die Judäische Wüste. Hier liegt das Tote Meer, eines der außergewöhnlichsten Naturwunder Israels.
Und hier wurde Geschichte geschrieben.
Bei Qumran entdeckte man ab 1947 die berühmten Schriftrollen vom Toten Meer. Sie gehören zu den bedeutendsten archäologischen Funden des 20. Jahrhunderts. Darunter befinden sich die ältesten erhaltenen Manuskripte biblischer Texte sowie zahlreiche weitere Schriften aus der Zeit des Zweiten Tempels.
Nicht weit entfernt erhebt sich Masada über dem Toten Meer. Die von Herodes dem Großen ausgebaute Festung wurde nach der Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 n. Chr. zu einem der letzten Zufluchtsorte jüdischer Aufständischer gegen Rom.
Heute sind nicht nur die Paläste, Badeanlagen und riesigen Zisternen zu sehen. Auch das römische Belagerungssystem rund um den Felsen ist noch deutlich in der Landschaft erkennbar.
Wer hier steht, steht mitten in einer der dramatischsten Epochen jüdischer Geschichte.
Und dann: Eilat
Die Reise durch den Süden Israels endet schließlich dort, wo die Wüste auf das Rote Meer trifft: in Eilat.
Israels südlichste Stadt liegt am Golf von Aqaba und gehört zur Negev-Region. Nach der kargen Wüstenlandschaft wirkt das türkisblaue Meer mit seinen Korallenriffen fast wie eine andere Welt. Schon in der Antike war die Region wegen ihrer Lage am Roten Meer von strategischer und wirtschaftlicher Bedeutung. Heute ist Eilat ein beliebter Bade-, Tauch- und Urlaubsort. Morgens durch die Wüste wandern und nachmittags im Roten Meer schnorcheln? Im Negev ist das möglich.
Der Negev und die Teilung von 1947
Eine weitere überraschende Facette des Negev ist seine Bedeutung für die Geschichte der Staatsgründung Israels.
Wenn heute behauptet wird, die Juden hätten im UN-Teilungsplan von 1947 „mehr Land als die Araber“ bekommen, wird häufig die reine Prozentzahl genannt: Rund 55% des vorgesehenen jüdischen Staates..Ein großer Teil dieser Fläche war jedoch der Negev – eine riesige, damals nur dünn besiedelte und wirtschaftlich wenig erschlossene Wüstenregion. Die 55% waren also keineswegs 55% fruchtbares oder dicht besiedeltes Land.
Der Negev war nicht menschenleer; insbesondere Beduinengemeinschaften lebten dort. Aber große Teile der Region waren Wüste.
Gerade darin sah David Ben-Gurion später eine Zukunftsaufgabe.
Die Wüste als Zukunft
Ben-Gurion war überzeugt, dass die Zukunft Israels auch im Negev liegen müsse. Nach seinem Rückzug aus der Politik zog er sich in den Kibbuz Sde Boker zurück.
Heute stehen dort moderne Städte, Universitäten, Forschungszentren, Hightech-Unternehmen, Landwirtschaft und große Solaranlagen.
Die Wüste ist dabei nicht verschwunden. Israel hat gelernt, in ihr zu leben.
Vielleicht ist das die schönste Verbindung zwischen der Geschichte und der Gegenwart des Negev: Vor Jahrtausenden sammelten Menschen Regenwasser in Zisternen und bauten Wein an. Heute nutzt Israel hochentwickelte Bewässerungs- und Wassertechnologien, um Landwirtschaft in einer der trockensten Regionen des Landes zu betreiben.
Ein Urlaubsziel mit Überraschungsgarantie
Wer in den Negev reist, kommt wegen der Landschaft – und entdeckt Geschichte.
Man fährt nach Beersheba und steht in einer Stadt des Königreichs Juda. Man liest in Tel Arad hebräische Worte, die vor mehr als 2.500 Jahren geschrieben wurden. Man entdeckt in Avdat antike Weinpressen mitten in der Wüste. Man steht in Qumran am Fundort der Schriftrollen vom Toten Meer. Man steigt auf Masada und blickt über dieselbe Wüstenlandschaft, die jüdische Aufständische vor 2.000 Jahren vor Augen hatten.
Und schließlich erreicht man Eilat und sieht die Wüste am Roten Meer enden.
Vielleicht ist genau das die größte Überraschung des Negev: Man fährt in die Wüste – und findet jüdische Geschichte überall.
Und spätestens dann kommt der Gedanke ganz von selbst:
Da muss ich im nächsten Israel-Urlaub unbedingt hin.